Bedingungsloses Grundeinkommen

Ist diese Initiative ein Traum, eine Vision, eine Utopie – oder vielleicht doch einfach nur eine Illusion? Die Initianten sprechen auch von Innovation.

Das bedingungslose Grundeinkommen soll nicht eine Notlösung sein, sondern eben eine echte revolutionäre Neuerung. Die Initiative soll ein Denkanstoss sein.Was will die Initiative – oder was will sie eben nicht?

Gemäss Wortlaut der Initiative soll der Bund für die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens sorgen. Eines Grundeinkommens, das der ganzen Bevölkerung ein menschenwürdiges Dasein und die Beteiligung am öffentlichen Leben ermöglichen soll.

Gegenstand der Initiative ist damit das Leben, nicht das Arbeiten. Es geht nicht um einen Verzicht auf das Recht der Arbeit, wie man das der Initiative etwa vorwirft. Sondern es geht um das Recht auf ein menschenwürdiges Leben! Man könnte auch sagen: wir arbeiten nicht um zu leben, sondern wir leben um zu arbeiten.

Die Initiative ist faszinierend,

  • weil sie einen echten Denkanstoss liefert,
  • weil sie nicht an einem illusionären System der Vollbeschäftigung festhält oder auf einem bestehenden System aufbaut
  • weil sie eine neue Sicht- und Denkweise offeriert.

Und hier sind wir gefordert: indem wir das übliche Denkschema verlassen, indem wir offen prüfen, ob es nicht eine andere Art zu leben und zu arbeiten gibt, die uns allen gut tut.

Das Grundeinkommen ermöglicht dem Einzelnen, der Gemeinschaft bestmöglich zu dienen, und der Gemeinschaft erwächst es als höchstes Ziel, den Einzelnen zu befreien.

Nun wird von den Gegnerinnen und Gegner der Initiative befürchtet, es würde nicht mehr gearbeitet werden. Ich bin der Meinung, dass viele eigentlich genau wissen, dass dem nicht so sein wird. Wir haben unser politisches Engagement begonnen, ohne dafür speziell entlöhnt zu werden, oder wenn ich an die Gemeindepolitik denke, ohne dass wir für die geleistete Arbeit einen effektiven finanziellen Gegenwert erhalten. Wir arbeiten trotzdem – und zwar, weil wir Freude an dieser Arbeit haben, weil sie zum Leben gehört. Gleiches gilt für die Freiwilligenarbeit, für die Arbeit die wir in gemeinnützigen Institutionen, Vereinen und Stiftungen leisten.

Als Politikerinnen und Politiker beziehen wir so gesehen bereits ein bedingungsloses Grundeinkommen. Denn wir werden entschädigt, nicht um eine vorgegebene Leistung zu erbringen, sondern um eigenständige Entscheidungen zu treffen.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen ermöglicht eine freiere Entscheidung, was jede und jeder mit ihrem oder seinem Leben anfangen will. Es führt zu einer Entstigmatisierung der Personen, die aufgrund von gesundheitlichen oder anderen Schwierigkeiten nicht so viel arbeiten können, wie es die Gesellschaft im heutigen System erwartet – sie werden heute unter Druck gesetzt, müssen Nachweise für die Arbeitssuche und für Sozialhilfeleistungen erbringen. Dieser ständige Druck und die damit einhergehende Stigmatisierung führen nicht zu einem besseren Gesundheitszustand. Oder denken Sie an die Working Poor, die trotz Vollzeitarbeit nicht ein genügendes Einkommen erzielen und regelmässig noch den Gang zum Sozialdienst antreten müssen.

Nun wird befürchtet, das bedingungslose Grundeinkommen würde zu einem Abbau der Sozialleistungen führen. Das ist allerdings nicht das Ziel dieser Initiative. Wer auf zusätzliche Unterstützung angewiesen ist – z.B. wegen Invalidität oder wegen einer grossen Familie – soll weiterhin die nötige zusätzliche Unterstützung erhalten.

Ich unterstütze daher diese Initiative und fände es gut, wenn viele den Denkanstoss aufnehmen, sich auf den anschliessenden Prozess der Diskussionen und die gesellschaftlichen Entscheidfindungen einlassen.